Mein Tag aus der Sicht meines Schals

Manchmal - das habe ich schon als Kind gemacht - stelle ich mir Situationen, Tage oder ganze Jahre aus der Sicht von Gegenständen vor.

Was hat diese Litfaßsäule in meiner Straße schon alles für Gespräche mitgehört? Welche Momente des geteilten Berlins konnte sie hier, so nah an der Grenze, erleben? Wie sieht meine Straße aus ihrer erhabenen Größe aus? Welche Menschen durften die Wände meiner Küche in den letzten 100 Jahren schon beim Kochen und Essen beobachten? Was hat die Pflanze auf meinem Schrank im letzten Jahr alles bezeugen dürfen? Wie hat sie mein letztes Jahr aus der Vogelperspektive wahrgenommen? Was sieht mein Schal, wenn er mal eng um meinen Hals liegt und sich an meine Ketten schmiegt, meine Hautstruktur sieht, mein Parfum riecht? Wenn er dann im Wind über meiner Schulter weht und das Kind hinter mir im Kinderwagen ansieht? Was erlebt er?

Tränen, Freude, Angst, Hingabe…? Wie haben all diese stillen Zeugen, das was um sie herum geschah, wohl betrachtet? Ich stelle mir immer vor, dass sie es mit  Augen eines Kindes taten. Mit urteilsfreier Naivität. Mit Wohlwollen. Mit Mitgefühl. Und mit einem einzigartigen Detailzoom. Ich stell mir vor, dass sie aus ihren Perspektiven Dinge sehen, die uns entgehen. Weil wir vergessen, dass es mehr als eine - unsere eigene - Perspektive gibt. Und deshalb liebe ich dieses kleine Gedankenspiel so sehr.

Ich wollte VOGELFREI sein

Es gab eine Phase in meinem Leben, da konnte ich das Leben einfach nicht lieben. Ich konnte es  nicht einmal annähernd leiden. Weil ich mich nicht einmal annähernd leiden konnte. Ich hasste mich. Ich hasste es, ich zu sein. Ich hasste es, ein Mensch sein zu müssen. Ich dachte oft, dass das Leben als Tier so viel leichter sein müsse. Keine Sinnsuche. Keine Bestimmung. Keine Regeln außer dem Darwinismus. Keine Angst außer die Angst im Angesicht des Todes. Weil keine Vergangenheit. Weil keine Zukunft. 

Für mich war dieser Zustand unendlich erstrebenswert. Ich war es leid, mich selbst immer und immer wieder aufzupäppeln und zu retten. Ich kam mir schlichtweg lebensunfähig vor. Ich verstand einfach nicht, warum ich lebte. 

Wissen tue ich es noch immer nicht, aber ich fühle etwas. Eine Art…Aufgabe. Und wenn ich heute im Tiergarten sitze und die Amseln beobachte - am liebsten wäre ich damals sein Vogel gewesen, weil sie so leicht sind und ich mich so unendlich schwer fühlte - ahne ich, dass sie auch eine Art Aufgabe empfinden. Sie sind sich dessen vielleicht nicht bewusst, aber ich bin mir sicher, sie empfinden es. Die Aufgabe, zu kommunizieren. Die Aufgabe, ihre Nachkommen zu ernähren. Die Aufgabe, sich selbst zu pflegen. Sie fühlen es. Intuition. Und mittlerweile glaube ich, dass sie es ist - DIE INTUITION - , die mich am Ende tatsächlich auch als Mensch VOGELFREI fühlen lassen kann.